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Essay

Digital ist jetzt – legen wir endlich los!

Einen Touchscreen bedienen zu können bedeutet gar nichts. Wollen wir keine digitalen Analphabeten werden, müssen wir auch die Technik begreifen. Acht Thesen, warum wir Coding Kids werden müssen.

Nerds sucht man hier vergeblich. Und das, obwohl Programmieren, Roboter und Technik in dem großzügigen Ladengeschäft die zentralen Themen sind. Ein Donnerstagnachmittag in der HABA Digitalwerkstatt in Berlin-Mitte. Der 13-jährige Henner hat auf seinem iPad gerade die App Swift Playground geöffnet. „Dieser Wassertropfen ist meine Spielfigur“, erklärt er. Der Tropfen muss die roten Edelsteine auf dem Spielfeld einsammeln. Henner und die anderen Kinder in dem Programmierkurs steuern die Spielfigur mit Befehlen aus Programmcode. „Hier muss ich eine Schleife programmieren und vier mal ausführen, dann sammelt die Figur alle Edelsteine ein“, sagt er.

Spielerisch sollen Kinder in der HABA Digitalwerkstatt den Umgang mit digitaler Technologie lernen, das ist das Prinzip hinter dem jüngsten Projekt von Internetunternehmerin Verena Pausder. Die 38-Jährige entwickelt mit ihrer Firma Fox and Sheep Apps für Kinder. Gemeinsam mit dem Spielwarenhersteller HABA möchte sie in der Digitalwerkstatt nun Kinder auf die Welt von morgen vorbereiten.

  • Verena Pausder, Internet-Unternehmerin und Gründerin der Digitalwerkstatt
    Verena Pausder, Internet-Unternehmerin und Gründerin der Digitalwerkstatt
  • In der HABA Digitalwerkstatt lernen Kinder einfache Programmiersprachen
    In der HABA Digitalwerkstatt lernen Kinder einfache Programmiersprachen
  • In der App Swift Playground steuern die Kinder die Spielfigur mit Befehlen
    In der App Swift Playground steuern die Kinder die Spielfigur mit Befehlen

Digitale Vorreiter wie Verena Pausder setzen sich schon heute aktiv damit auseinander, was immer mehr Menschen nicht nur in Deutschland beschäftigt. Mit Macht wirbelt die Digitalisierung unsere Welt durcheinander. Überall im Land versuchen Politiker und Behörden, Mittelständler und Konzerne, Lehrer und Eltern mit dieser Revolution umzugehen und sich und ihre Kinder bestmöglich auf eine ungewisse Zukunft vorzubereiten.

Unternehmen sorgen sich, dass die Digitalisierung ihre Geschäftsmodelle zerschmettert. Bürger fragen sich, ob sie ihren Job an einen Roboter verlieren. Bildungspolitiker grübeln, was wichtiger ist: Ein iPad für jedes Kind oder dichte Schuldächer und funktionierende Toiletten. Lehrer bringen auf eigene Faust digitale Ansätze in ihren Unterricht. Eltern zweifeln, ob ihre Kinder zu viel Zeit mit Smartphones und Tablets verbringen. Oder ob digitale Fingerfertigkeit nötig ist, um für die Jobwelt der Zukunft gerüstet zu sein. Und während in Deutschland Bildungspolitik und Wissenschaft noch über die Risiken der Digitalisierung streiten, wachsen Millionen Kinder und Jugendliche wie selbstverständlich mit Snapchat, Whatsapp und Instagram auf.

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Zukunft heißt nicht nur, die Technik zu bedienen. Zukunft heißt, sie gestalten zu können

Wer streamen, chatten und wischen kann, der begreift diese neue Welt noch lange nicht. Auf die Zukunft vorbereitet zu sein bedeutet vielmehr, die Funktionsweise und Gesetzmäßigkeiten digitaler Angebote zu begreifen, um diese neue Welt beeinflussen zu können. Die Verwandlung unserer Welt wird sich nicht stoppen lassen – im Gegenteil, wie der Philosoph Richard David Precht und der Informatik-Professor Manfred Broy in der „Zeit“ betonen: „Die Digitalisierung wird sich fortsetzen, in rasendem Tempo. Man kann sie nicht aufhalten, nur gestalten.“

Wenn wir uns nicht trauen, selbst zu Coding Kids zu werden, laufen wir Gefahr, abhängig und hilflos zu werden.

Diese digitale Welt ist neu, für Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Sich auch als Erwachsener als Coding Kid zu begreifen, ist keine Schande, sondern Notwendigkeit. Wir müssen uns zugestehen, diese neue Welt erst noch durchdringen zu müssen. Wir dürfen uns nicht scheuen, der Digitalisierung mit Neugier und offenen wie kritischen Fragen zu begegnen. Dazu gehört auch, die uns umgebende Software zumindest ansatzweise zu begreifen und eine Vorstellung zu entwickeln, wie Programmiersprachen funktionieren. Wenn wir uns nicht trauen, selbst zu Coding Kids zu werden, laufen wir Gefahr, abhängig und hilflos zu werden. Unfähig etwa, die Bedeutung von Daten und Datenanalyse zu begreifen. Unfähig, die neue Welt im eigenen, besten Sinne zu gestalten.

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Nur mit digitaler Bildung können wir in der neuen Welt bestehen

Eine Physik-Stunde am Friedrich-Gymnasium in Freiburg. Wenn Themen wie Flugbahnen oder Beschleunigung anstehen, greifen die Schülerinnen und Schüler von Patrick Bronner zum Smartphone statt zum Schulbuch. Die Idee dazu resultierte angesichts veralteter Schulcomputer aus einer simplen Frage, erklärt Bronner: „Ich überlegte, warum wir nicht die Mini-Computer nutzen könnten, die 29 von 30 Schülern einer achten Klasse sowieso in ihren Taschen haben.“ Mit der Pädagogischen Hochschule Freiburg erforschten Bronner und ein Physik-Leistungskurs des Gymnasiums, wie naturwissenschaftlicher Unterricht mit Smartphones und Tablets möglich ist. Die Jugendlichen nutzten Schokoküsse und ihre Smartphones, um die Flugbahn von Körpern zu messen oder ermittelten die Beschleunigung beim Motorradfahren. Der Kurs sammelte etwa 60 Smartphone-Experimente. In einem einjährigen Schulversuch brachten danach auch Lehrer anderer Fächer Mobiltelefone in den Unterricht. Heute ist aus dem Schülerprojekt ein ganzes Schulkonzept geworden: In Dutzenden Klassenzimmern der Schule gibt es nun Wlan, ab dem Schuljahr 2017/18 bekommen alle Siebtklässler im Rahmen eines Schulversuchs ein Tablet.

Für das Smartphone-Projekt und das Schulkonzept wurden Patrick Bronner und die Schulleitung des Friedrich-Gymnasiums mit dem Deutschen Lehrerpreis in der Kategorie „Unterricht innovativ“ ausgezeichnet. Digitale Endgeräte im Unterricht sind in Bronners Augen nur eine von vielen Möglichkeiten, guten Unterricht noch besser zu machen. Der Pädagoge besteht darauf, dass Kinder und Jugendliche üben, mit digitaler Technik umzugehen, aber auch über die Chancen und Risiken diskutieren. „Im Zeitalter von ‘Industrie 4.0’ erleben wir eine Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche. Die Aufgabe der Schule sollte es daher sein, die Schülerinnen und Schüler so gut wie möglich auf diese neuen Herausforderungen vorzubereiten“, sagt Bronner.

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Es gibt digitale Pioniere an Deutschlands Schulen – doch es sind zu wenige

Patrick Bronner gehört zu einer Minderheit von Pädagogen in Deutschland, die schon heute digitale Ideen in die Schulen tragen. Lehrerinnen und Lehrer organisieren sich zunehmend im Netz, tauschen sich über Erfahrungen aus oder teilen Lehrmaterialien. Auf Twitter etwa diskutieren Lehrer einmal die Woche unter dem Hashtag #edchatde über digitale Ansätze im Unterricht. Doch letztlich sind solche Bemühungen Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Vielerorts sind Smartphones an Schulen verboten, Schulcomputer sind veraltet, es fehlen IT-Beauftragte, oft fehlt sogar eine verlässliche Internetverbindung. So hell die Leuchttürme wie das Freiburger Smartphone-Projekt auch strahlen – sie zeigen, wie dunkel es an vielen Orten des Landes noch ist.

Im Vergleich mit 20 anderen Industrieländern kommen Computer nirgendwo seltener im Unterricht zum Einsatz als in Deutschland ICILS-Studie 2014

Wie hält Deutschland es mit digitaler Bildung, mit Informatik-Unterricht, Robotik und Programmieren in den Schulen? Ein Blick in die Lehrpläne gibt eine klare Antwort. Informatik ist in nur neun von 16 Bundesländern Pflicht – und auch dort nicht an allen Schultypen. Das ergab eine Umfrage der „Wirtschaftswoche“. Wie soll das zusammenpassen mit einer Welt, in der sich schon heute zahllose Lebensbereiche digitalisieren? Mit einer Berufswelt, in der keine Mechaniker mehr, sondern Mechatroniker benötigt werden? Einfach gesagt: Es passt nicht zusammen. Oder anders ausgedrückt: Es muss sich dringend etwas tun. Zu recht fordern etwa Arbeitsmarktforscher wie Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verpflichtenden Informatikunterricht für alle Schüler in Deutschland.

Ein hehres Ziel, doch es hakt nicht nur am Fach Informatik. Computer kommen nirgendwo seltener im Unterricht zum Einsatz als in Deutschland, das ergab ein Vergleich mit 20 anderen Industrieländern in der internationalen ICILS-Studie 2014. Zudem seien Deutschlands Pädagogen nicht nur medienskeptischer als Lehrer in anderen Industrieländern, sondern im Umgang mit Computern auch schlechter ausgebildet.

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Jeder wurstelt vor sich hin - so packt Deutschlands Bildung die Digitalisierung nicht

Die Politik hat die Bedeutung des Wandels immerhin erkannt. So hat zuletzt die Kultusministerkonferenz (KMK) ein Strategiepapier zum digitalen Wandel vorgelegt. In der KMK sind die Landesminister und Senatoren für Kultur, Bildung, Erziehung und Forschung zusammengeschlossen. In ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ erkennen die Politiker an, dass Bildung und Lernen sich angesichts der digitalen Umwälzungen wandeln müssen. In allen Schulfächern sollen digitale Technologien künftig den Unterricht unterstützen können. Bis 2021 sollen alle Schulen eine Internetverbindung haben. Zudem sollen die Schüler lernen, mit digitalen Technologien umzugehen und diese gestalten können. Der jüngste Vorstoß, digitale Bildung auf die Agenda zu setzen, kommt von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Bis zu fünf Milliarden Euro stellt ihr Ministerium im Rahmen des sogenannten Digitalpakt#D über fünf Jahre in Aussicht, um die rund 40.000 Grundschulen, weiterführenden Schulen und Berufsschulen in Deutschland mit Hardware, Wlan und Internetanschluss zu versorgen.

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Informatik, PC-Kenntnisse, Natur und Technik: Unter verschiedenen Bezeichnungen integrieren die Bundesländer Medien auf unterschiedliche Weise in den Schulen. Ein Überblick.

Verbindliche curriculare Integration: In Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist die Medienbildung ausgeprägt und verbindlich in die Lehrpläne integriert. Medienbildung wird als Kulturtechnik verstanden, die wie Lesen und Schreiben an den Schulen zu unterrichten ist.

Projektorientierte Integration: In Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, NRW und Rheinland-Pfalz ist die Medienbildung schwächer und weniger verbindlich in die Lehrpläne integriert. Es existieren hochwertige projektorientierte Angebote, die Schulen und Lehrer optional aufgreifen können.

Geringe strukturelle Verankerung: In den übrigen Bundesländern haben Schulen und Lehrer die größte Eigenverantwortung. Konkrete, zentral gesteuerte Umsetzungsmaßnahmen in der Fläche sind weniger zu erkennen.

Quelle: Initiative D21, 2014

Ist das schon die Lösung des Problems? Bestimmt nicht. Wankas Milliarden existieren bislang nur auf dem Papier. Der Digitalpakt#D soll in der kommenden Legislaturperiode umgesetzt werden. Voraussetzung dafür ist, dass in den Koalitionsgesprächen die entsprechenden Gelder auch vereinbart werden. Wie im deutschen Bildungswesen die Kompetenzen verteilt sind, verkompliziert das Ansinnen zusätzlich. Für die Schule sind die Länder zuständig. Die Landeskultusminister entscheiden über Lehrpläne und Pflichtfächer, befinden über Schwerpunkte und legen fest, wer welches Schulbuch kaufen muss. Das im Grundgesetz festgeschriebene Kooperationsverbot verbietet es Bund und Ländern, im Schulwesen zusammenzuarbeiten. Bildungsministerin Wanka umschifft das Kooperationsverbot, indem sie nur Geld für Geräte in Aussicht stellt. Im Gegenzug, so sieht es der Digitalpakt#D vor, müssten sich die Länder verpflichten, pädagogische Konzepte zu entwickeln, Lehrkräfte entsprechend zu schulen – und das auch zu finanzieren.

Die Euphorie über den Digitalpakt#D können einige Beobachter nicht begreifen. Der Kunstpädagoge Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg etwa bezeichnet Wankas Vorstoß gar als Trojanisches Pferd. Er befürchtet, dass die unterfinanzierten Schulen mit Geld geblendet werden sollen, um ihre Autonomie und die Bildungshoheit der Länder aufzugeben. „Der Digitalpakt#D verstößt damit gegen das Grundgesetz (Methodenfreiheit), gegen das Kooperationsverbot und die Bildungshoheit der Länder, ist bei weitem unterfinanziert und didaktisch falsch“, sagt Lankau. „Die einzigen Nutznießer sind – wieder einmal und wie schon bei Schul-PCs (1980), bei Laptopklassen (1990) oder Tabletklassen heute – die Anbieter von Hard- und Software.“ (In diesem Interview mit Coding Kids erläutert Lankau die Details seiner Kritik)

Unterm Strich bleiben Deutschlands Vorstöße ins Digitale nur Stückwerk. Es fehlt eine einheitliche Vision.

Aber immerhin, es bewegt sich etwas an deutschen Schulen. In Nordrhein-Westfalen initiierte das Kultusministerium unter Leitung der RWTH Aachen ein Projekt, in dem ein Informatiklehrplan speziell für Grundschüler entwickelt wird. Im Saarland sollen ab Frühjahr 2017 in allen dritten Klassen Exemplare des Minicomputers Calliope Mini bereitstehen. Parallel sollen Lehrer geschult werden. 

Doch unterm Strich bleiben solche Vorstöße ins Digitale nur Stückwerk. Es fehlt eine einheitliche Vision. Dabei drängt die Zeit, warnt etwa die Digitalbeauftragte der Bundesregierung, Gesche Joost: „Selbst wenn wir jetzt ein Konzept schreiben, würde die Umsetzung Jahre dauern. Wir müssen heute anfangen, die bestehenden Initiativen auszubauen und in die Fläche zu bringen“, mahnte die Professorin für Designforschung an der Berliner Universität der Künste schon 2015. „Ich bin als Internetbotschafterin in ganz Europa unterwegs und merke, dass in anderen Ländern mehr für die digitale Bildung getan wird.“

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Wir dürfen keine Scheu haben, von anderen zu lernen

Viele Länder gehen bei der digitalen Bildung voran. In Estland und Großbritannien lernen schon Erstklässler programmieren. Auch Finnland hat Programmieren in die Lehrpläne seiner Grundschüler integriert. Ein überfälliger Schritt, findet etwa Linda Liukas. Die 30-jährige Autorin und Programmiererin aus Finnland hat das Buch „Hello Ruby“ geschrieben, das Kindern spielerisch das Konzept des Programmierens näherbringt. „Warum das wichtig ist? Code ist die Sprache des 21. Jahrhunderts“, sagt Liukas. Es sei enorm wichtig, dass die Menschen das ABC des Programmierens beherrschten. „Unsere Welt basiert immer mehr auf Software. Wir brauchen eine größere Diversität unter den Menschen, die die Software erschaffen“, sagt sie.

In anderen Ländern

Queensland, Australien: Im australischen Bundesstaat Queensland sind Programmieren, Robotik und andere digitale Themen seit 2017 Pflicht für Kinder ab vier Jahren.

Großbritannien: Schon Erstklässler lernen in Großbritannien im jüngst eingeführten Fach Computing die Grundlagen des Programmierens kennen.

Japan: Die japanische Regierung will Programmieren ab 2020 an allen Grundschulen zum Pflichtfach zu machen.

Finnland: Finnland hat kein eigenes Fach Programmieren eingeführt, sondern die Lehrpläne etablierter Fächer wie Mathematik, Biologie oder Physik um Aspekte aus der Welt der Programmierung erweitert.

Estland: Schon seit 2012 lernen Schüler ab sechs Jahren in Estland Programmieren.

Schulen komme dabei eine wichtige Rolle zu, sagt Liukas: „Schulen sind einer der besten Wege, Fähigkeiten zu demokratisieren.“ Die Finnin ist überzeugt, dass Kinder ein Recht darauf haben zu lernen, wie Technologie ihre Welt beeinflusst. „In der Grundschule lernen wir Prinzipien der Biologie, obwohl nicht jeder ein Biologe wird. Auch wenn nicht jeder Programmierer wird, hat doch jedes Kind hat ein Recht darauf, Programmieren kennenzulernen.“

Liukas ist diplomatisch genug, um nicht die Ansätze digitaler Bildung eines bestimmten Landes als schlecht zu bezeichnen. „Ich habe mit Lehrern aus vielen Ländern gearbeitet und bin zum Schluss gekommen, dass es kein Patentrezept für die richtige Bildung gibt“, sagt sie.

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Die digitale Revolution von unten hat längst begonnen

Bis Deutschlands Bildungspolitik so weit ist, bereiten andere den Boden für die digitale Zukunft des Landes. Vergleichsweise unbemerkt von der großen Öffentlichkeit hat diese Graswurzel-Bewegung in vielen Orten Deutschlands Fuß gefasst. Zum Beispiel in Düsseldorf. „Yes!“, ertönt es hinter dem Bildschirm – „es funktioniert!“ Auf Jules und Lisas Monitor weicht eine animierte Katze ihren Gegnern aus. Die Katze heißt Scratchy, sie ist das Gesicht von Scratch, einer visuellen Programmiersprache, mit der die Kinder in der Codingschule in Düsseldorf an diesem Samstag Programmieren lernen. In Zweierteams schieben die zwölf Kinder auf ihren Monitoren bunte Blöcke aus Programmcode hin und her. Trainer Tobi geht von Gruppe zu Gruppe, macht die Mädchen und Jungen auf Fehler in der Programmierung aufmerksam und gibt Tipps.

Spielen, Tüfteln, Spaß haben – und gleichzeitig ein Verständnis für die digitale Welt entwickeln: So beschreibt Güncem Campagna das Konzept der von ihr gegründeten Codingschule. Die Idee resultiert aus Erfahrungen, die die 33-Jährige in der Zusammenarbeit mit IT-Startups macht. Immer wieder fällt ihr auf, dass Firmen händeringend Programmierer suchen – und oft nur im Ausland fündig werden. „In Deutschland gibt es schlicht nicht genügend Entwickler“, sagt Campagna – „auch, weil die Schulen nicht ausreichend auf digitale Berufe vorbereiten.“ Mit ihrer Codingschule und einem kleinen Team aus Trainern hat sie deshalb begonnen, Kinder an das Programmieren heranzuführen.

Das Engagement der Wirtschaft für digitale Bildung ist verständlich - ohne digital ausgebildeten Nachwuchs kämen die Unternehmen in Personalnöte.

Im ganzen Land werkeln digitale Vorreiter wie Güncem Campagna, Verena Pausder oder Pädagogen wie Patrick Bronner an Konzepten, Kindern digitale Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben. In Hamburg haben Diana und Philipp Knodel die Initiative App Camps aufgebaut. Über eine Online-Plattform bieten sie deutschsprachigen Pädagogen kostenlose Unterrichtsmaterial zum Programmieren an. Ohne selbst IT-Experten zu sein, können die Lehrer mittels Lehrvideos und Anleitungen mit ihren Schülern Apps entwickeln, Websites gestalten oder Microcomputer programmieren. Getragen werden die App Camps von Stiftungen und Partnern aus der Wirtschaft. „Wir haben den Weg in die Schulen gewählt, weil wir so Kinder und Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten erreichen“, erklärt Philipp Knodel den Hintergedanken von App Camps. „Würden wir am Samstagvormittag einen Präsenzkurs machen und dafür Geld verlangen, kämen vor allem Jugendliche, die von den Eltern in diesem Bereich bereits gefördert werden. Und auch nur wenige Mädchen. Wir wollen aber alle Jugendlichen erreichen, deshalb entwickeln wir Unterlagen für Schulen“.

Mit dem etwa sieben mal acht Zentimeter kleinen Computer können Kinder und Lehrer eine Vielzahl von Experimenten machen. Möglich machen das Sensoren etwa für Licht und Bewegung, Beschleunigung und Temperatur. Befehle werden per USB-Verbindung auf den Rechner aufgespielt.
Mit dem etwa sieben mal acht Zentimeter kleinen Computer können Kinder und Lehrer eine Vielzahl von Experimenten machen. Möglich machen das Sensoren etwa für Licht und Bewegung, Beschleunigung und Temperatur. Befehle werden per USB-Verbindung auf den Rechner aufgespielt.

Auch die die Initiative rund um den Mikrocomputer Calliope Mini sucht den Weg in Deutschlands Schulen, um Kinder schon ab der dritten Klasse mit dem Programmieren in Berührung zu bringen. Die sechseckige, blaue Platine ist benannt nach Calliope, einer Tochter von Zeus und Muse der Wissenschaft. Der Minicomputer soll Kindern einen spielerischen Zugang zur digitalen Welt ermöglichen. Zugleich wollen die Initiatoren des Projekts rund um die Bundesdigitalbeauftragte Gesche Joost auch dem ganzen Bildungssystem einen Anstoß geben, auf lange Sicht digitale Ansätze in die Schulen zu bringen. „Mit dem Calliope mini wollen wir einen Startschuss für die digitale Bildung in Deutschland geben - damit alle Kinder schon ab der Grundschule kreativ und spielerisch lernen, wie die digitale Welt funktioniert“, sagt Gesche Joost. Möglich machen soll das auch ein niedriger Preis. Weniger als 30 Euro soll ein Exemplar des Minicomputers kosten. 

Unterstützt wird das Projekt von zahlreichen Größen aus der digitalen Wirtschaft wie Google, Microsoft oder SAP. Deren Engagement ist verständlich – ohne digital affinen, gut ausgebildeten Nachwuchs kämen die Unternehmen über kurz oder lang in Personalnöte.

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Digitale Bildung ist ein Milliardenmarkt – nicht alles ist gut und wichtig

Dass digitale Kompetenzen Kindern und Jugendlichen nicht schaden, hat sich langsam herumgesprochen. Ungleich rasanter hat sich unterdessen der Markt für digitale Bildung sortiert. Längst nicht mehr trommeln nur digital affine Pädagogen oder Programmierwerkstätten für mehr Coding-Kompetenz. Neben zahllosen kleinen Projekten haben auch große Unternehmen das Thema digitale Bildung für sich entdeckt. Google, Microsoft, Facebook, Samsung, die Telekom und große Schulbuchverlage unterstützen Coding-Initiativen, bieten digitale Unterrichtsinhalte oder eigene Medienangebote. Vielfach arbeiten die Konzerne sogar eng mit Bildungsministerien zusammen. Aus Sicht der Personalrekrutierung ist dieses Engagement plausibel – unter dem Schlagwort des Fachkräftemangels warnen Unternehmen schon seit längerem, dass ihnen gerade in den mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen (MINT) der Nachwuchs ausgehen könnte.

Beobachter wie die Organisation Lobbycontrol beobachten die Aktivitäten vieler Unternehmen allerdings mit Sorge. „Der Weg in die Schulen wird professionell organisiert“, konstatiert Lobbycontrol. „Unternehmen und Verbände drängen in die Schulen und werben für ihre Interessen und Produkte.“ Den Erkenntnissen der Lobbyismus-Beobachter zufolge bieten spezialisierte Agenturen sogar die Beeinflussung von Jugendlichen und Werbung in Schulen als Dienstleistung an.

Nicht nur Personaler und Lehrer rufen nach Coding-Kompetenz. Auch die Spielzeugindustrie ist auf den Zug aufgesprungen.

Auch René Scheppler beobachtet, wie Wirtschaftsakteure ins Schulumfeld drängen. Der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen analysiert in seinem Blog, wie stark der Einfluss der Industrie auf die Bildungspolitik und Deutschlands Schulen ist. Zwar befürwortet der Gewerkschafter Digitalisierung im Schulunterricht grundsätzlich, er fordert aber mehr Transparenz. „Wenn wir heute Google das Feld überlassen, dann will morgen BMW die Verkehrserziehung und McDonald’s die Ernährungsbildung übernehmen“, sagte er der „taz“.

Nicht nur Personaler und Pädagogen rufen nach mehr Coding-Kompetenz. Auch die Spielzeugindustrie ist längst auf den Zug aufgesprungen. Spielzeuge und Baukästen sollen schon die Jüngsten dazu bringen, sich spielerisch mit technischen Konzepten zu beschäftigen. Das nimmt mitunter kuriose Formen an: So wirbt der Hersteller eines Programmierspielzeugs aus Holz damit, dass man Kindern Programmieren beibringen solle, bevor sie schreiben können. Auch wenn Dreijährige durch ihr Produkt nicht automatisch zu Programmierern würden, gesteht der Hersteller zu - allein „die Begegnung mit der Fachsprache, mit Begriffen wie ‘Algorithmus’, ‘Debugging’ oder ‘Funktion’, schafft automatisch wichtige Bildungsgrundlagen“. Dass Dreijährige sich in der Regel weniger für Debugging, sondern eher für Backe-backe-Kuchen interessieren – geschenkt.

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Wenn wir jetzt nicht handeln, riskieren wir unmündige Kinder

An vielen deutschen Schulen gehört Informatikunterricht zumindest als Wahlfach seit Jahrzehnten zum Repertoire. Doch zuletzt hat sich die Debatte spürbar intensiviert. Es mehren sich die Stimmen, die flächendeckend verpflichtenden Informatikunterricht in den Schulen fordern. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte Anfang des Jahres: „Ich glaube, dass die Fähigkeit zum Programmieren eine der Basisfähigkeiten von jungen Menschen wird, neben Lesen, Schreiben, Rechnen.“ Der Wille, die digitale Bildung zu gestalten, ist in Deutschland also durchaus vorhanden.

Natürlich sind noch viele Fragen zu beantworten. Wie sollen wir mit Mahnungen wie denen des Kunstpädagogen Ralf Lankau („Je länger Kinder bildschirmfrei aufwachsen, umso besser“, umgehen? Oder gar mit den Thesen des Hirnforschers Manfred Spitzer? Der argumentiert in seinen erfolgreichen Büchern mit Titeln wie „Digitale Demenz“ oder „Cyberkrank“, dass Kinder durch digitale Einflüsse schlimmstenfalls nicht mehr lernfähig seien und unter gestörter Aufmerksamkeit, Realitätsverlust, Depressionen, Empathieverlust oder Gewaltbereitschaft litten.

Wer nur mit flinken Fingern snapchattet, aber keine Ahnung von Operatoren in der Google-Suche hat, geschweige denn von Coding-Grundlagen, ist alles andere als digital mündig.

Was also ist der richtige Ansatz? Wie sollte die digitale (Schul-)Bildung der Zukunft gestaltet sein? Braucht Deutschland wie Großbritannien ein Fach Programmieren ab Klasse eins? Oder muss Programmieren wie in Finnland Teil jedes Fachs werden? Und müssen Kinder und Jugendliche überhaupt in der Schule Programmieren lernen? Die ehrlichste Antwort ist: Niemand weiß es, natürlich nicht. Fortschritt war schon immer Versuch und Irrtum. Als Gesellschaft sind wir gefordert, uns durch den Dschungel aus Argumenten und Scheinargumenten zu kämpfen. Wir müssen und auseinandersetzen mit krakeelenden Digitalisierungs-Apokalyptikern und klugen Pädagogen, enthusiastischen Early-Adoptern und digitalen Dampfplauderern – und nicht zuletzt mit ganzen Industrien, die angesichts von Millionen Schulkindern (die meisten noch ohne teure Tablets) neue Milliardengeschäfte wittern.

Man kann Programmieren schon im Kindergarten für falsch halten. Man kann gute Argumente für Waldspaziergänge und Holzspielzeug finden. Vermutlich erleiden auch Kinder keinen Schaden, die nicht schon in der Grundschule in Algorithmen, Schleifen und Variablen denken. Nichtsdestoweniger müssen wir uns darüber klar werden, wie sich unser Bildungskonzept angesichts der digitalen Umwälzungen anpassen muss. Wer heute aufwächst, bewegt sich wie selbstverständlich in digitalen Welten. Wer jedoch nur mit flinken Fingern snapchattet, aber nicht einmal Ahnung von Operatoren in der Google-Suche hat, geschweige denn von Coding-Grundlagen, ist alles andere als digital mündig.

Wir müssen als Gesellschaft die neuen Möglichkeiten offen wie kritisch ausprobieren. Wir müssen uns erlauben, selbst zu Coding Kids zu werden. Wo wird uns das Ausprobieren hinführen? Ganz bestimmt nicht zu einem entweder oder. Sondern zu einem beherzten sowohl als auch: Bolzen und boolesche Operatoren. Angeln und Algorithmen. Waldspaziergang und World Wide Web. Verweigern und ignorieren jedenfalls sind keine erfolgversprechende Option.

Auf geht’s, packen wir es an.

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