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Interview

Coding – so kreativ wie Musik oder Malen

„Hello Ruby“-Autorin Linda Liukas spricht im Interview über Waldspaziergänge, Delphin-Ärzte – und Programmieren im Sportunterricht.

Die finnische Illustratorin und Programmiererin Linda Liukas hat das erfolgreiche Buch „Hello Ruby – Programmier dir deine Welt“ geschrieben. Darin geht es zwar ums Programmieren und die Grundlagen von Computercode, das Buch selbst ist aber ganz analog. Warum? Weil Menschen doch ohnehin so viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, sagt Liukas. Im Interview mit Coding Kids spricht sie über Waldspaziergänge in ihrer Kindheit und Sensoren in Bäumen. Und sie erklärt, wie sie die Ansätze digitaler Bildung in Finnland und anderen Ländern bewertet.

Frau Liukas, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Kinderbuch übers Programmieren zu schreiben?

Die finnische Illustratorin und Programmiererin Linda Liukas
Die finnische Illustratorin und Programmiererin Linda Liukas

Vor einigen Jahren versuchte ich, mir selbst das Programmieren beizubringen. Nebenbei kritzelte ich auf meinem Block herum, so entstand der Charakter Ruby. Wann immer ich beim Programmieren auf ein Problem stieß, versuchte ich mir vorzustellen, wie die kleine Ruby die Schwierigkeit angehen und erklären würde. Diese Perspektive, die Betrachtung von technischen Phänomenen aus der Sicht eines kleinen Mädchens, beschäftigte mich bald immer mehr und ich wusste schnell, dass sich daraus ein tolles Buch entwickeln würde. Ich glaube, dass Geschichten zu den prägendsten Erfahrungen unserer Kindheit gehören. Geschichten, die wir beim Aufwachsen kennenlernen, beeinflussen, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Viele Forschungsergebnisse legen nahe, dass Geschichten der beste Weg sind, neue Konzepte zu verinnerlichen, für Kinder wie für Erwachsene. Trotzdem wurden Geschichten in der technischen Bildung bislang nicht allzuoft verwendet.

Warum sollten sich Kinder in Ihren Augen überhaupt mit der Funktionsweise von Computern und Programmen auseinandersetzen?

Code ist die Schnittstelle zur Fantasie der jungen Generation. Unsere Welt wird immer mehr durch Software bestimmt und wir brauchen eine größere Diversität bei den Menschen, die diese Software schreiben.

Beim Programmieren geht es um Kreativität, Ausdruckskraft und praktische Anwendung. Unsere Kinder sollten lernen, Programmiercode auseinanderzunehmen und wieder zusammenzufügen, auch auf eine Art und Weise, wie es nicht vorgesehen ist. Genau so, wie sie es auch mit Papier, Schere, Kleber und Stiften tun würden. Ich möchte zeigen, dass Programmieren genauso kreativ sein kann wie Musizieren, Malen oder Schreiben.

Ab wann sollten sich Kinder mit Computern beschäftigen?

Ich glaube, Kinder können sich ab einem Alter von vier oder fünf Jahren damit beschäftigen, aber dann definitiv noch nicht mit Programmiersprachen oder vor dem Bildschirm. Wir verbringen schon so viel Zeit mit Computern, ich glaube, es ist sehr wertvoll, wenn Kinder und Eltern sich gemeinsam offline und ohne Geräte beschäftigen. Deshalb ist „Hello Ruby“ auch ein gedrucktes Buch und richtet sich an Kinder zwischen fünf und acht Jahren, die teils noch gar nicht schreiben können. Unabhängig von konkreten Programmiersprachen oder Geräten können wir unseren Kindern schon wahnsinnig viel vermitteln über das Konzept von Code, noch lange bevor sie sich an eine Tastatur setzen. Die Computerwelt ist voller abstrakter Begriffe wie Funktionen, Schleifen und Algorithmen. Aber wie fühlt sich eine Schleife an? Und können wir Bedingte Anweisungen (conditionals) in Rubys Schrank finden? Ruby sagt zum Beispiel: „Auch das größte Problem der Welt besteht nur aus vielen kleinen Problemen, die zusammenhängen.“ Jeder Programmierer beginnt seine Arbeit damit, seine Aufgabe in Teilaufgaben zu zerlegen.

Warum sind Spiele und spielerische Herausforderungen in „Hello Ruby“ so wichtig?

Als ich begann, „Hello Ruby“ zu schreiben und zu zeichnen, wusste ich nur sehr wenig über Pädagogik. Ich hatte nur eine sehr klare Vorstellung der Welt, die ich erschaffen wollte. Für mich war das Computerwesen einfach faszinierend, kreativ und magisch – die vorhandenen Lehrmaterialien aber oft uninspiriert und langweilig.

„Ich glaube, es ist wichtig, den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu vertrauen und viele richtige Antworten auf eine Frage zuzulassen.“ Linda Liukas

Was mir sehr viel bedeutet ist der Umstand, dass viele Aufgaben in „Hello Ruby“ nicht nur die eine richtige Lösung haben, sie können alle möglichen Wendungen nehmen. Viele Übungen in dem Buch begannen für mich mit Kindern, die Fragen stellten. „Was für ein Computer würde ein Delphin-Arzt brauchen?“ „Was ist das gefährlichste Tier der Welt?“ „Was wäre, wenn mein Computer Süßigkeiten drucken könnte?“ Während des Experimentierens lernen sie spielerisch Konzepte wie Abstraktion, Zusammenarbeit, Medienkompetenz und haben eine wahre Fülle von Ideen. Aus diesem Grund beinhalten die meisten Übungen auch Diskussionen. Ich glaube, es ist wichtig, den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu vertrauen und viele richtige Antworten auf eine Frage zuzulassen.

Manche Leute finden, Kinder sollten nicht programmieren, sondern lieber im Wald spielen. Was meinen Sie?

Ich bin vollkommen einverstanden! Einen großen Teil meiner Kindheit habe ich im Wald verbracht, das wünsche ich auch jedem anderen Kind. Ich denke aber auch, dass wir Menschen viele Dinge gleichzeitig tun können. Das bedeutet, dass die Kinder im Wald spielen, sie aber auch überlegen könnten, wie es wäre, wenn alle Bäume mit Sensoren ausgestattet wären. Oder die Kinder spielerisch lernten, ihr Baumhaus in einem CAD-Programm (computer-aided design) zu modellieren. Konzepte des „computational thinking“ werden besonders interessant, wenn wir begreifen, dass sie uns auch in der Natur umgeben. Inspiriert von Montessori-Konzepten habe ich versucht, Programmieren verständlich und knapp für Kinder aufzubereiten.

Viele Deutsche fragen sich, ob digitale Ansätze in die Schulen gehören. Was könnten die Deutschen von Finnland lernen?

Programmieren ist in Finnland seit Herbst 2016 Teil des Curriculums. In der Grundschule bedeutet das vor allem, das „Denken“ von Computern nachzuvollziehen: in der Lage sein, ein Problem in Einzelteile zu zerlegen und Computern klare Befehle geben. Ich denke, die wichtigste Entscheidung in Finnland war, Programmieren nicht als eigenständiges Fach zu etablieren (wie in Großbritannien), sondern es in vielen Fächern in die Lehrpläne zu integrieren. 

„Nicht jedes Kind wird mal ein Programmierer, doch jeder hat ein Recht darauf, Programmieren kennenzulernen.“ Linda Liukas

Die Kinder bekommen mit dem Programmieren ein weiteres Werkzeug zur Problemlösung neben Papier, Lineal und Stiften. Programmieren wird bei uns in der Mathematik, Biologie, Kunst und sogar im Sportunterricht gelehrt. Schulen sind einer der besten Wege, Fähigkeiten zu demokratisieren. Und deshalb denke ich, dass es klug ist, den Kindern schon früh das Programmieren näherzubringen. Kinder haben ein Recht darauf zu lernen, wie Technologie ihre Welt beeinflusst. In der Schule lernen wir Prinzipien der Biologie, obwohl nicht jeder ein Biologe wird. Gleichsam wird nicht jeder ein Programmierer, doch jedes Kind hat ein Recht darauf, Programmieren kennenzulernen.

Welches Land macht es in Ihren Augen beim Thema digitale Bildung richtig?

Jedes Land ist einzigartig, es gibt sicher kein Allheilmittel für Bildung. Früher war ich oft frustriert, wie langsam Veränderung in Bildungssystemen ist, mittlerweile bin ich froh darüber. Es ist immer wichtig, dass alle Beteiligten ihre Meinungen äußern und ein gemeinsames Verständnis gebildet wird.

Gleichwohl sehe ich in vielen Ländern der Welt spannende Ansätze: Ich bin begeistert, wie rigoros und mutig das Computer-Curriculum in Großbritannien ist. Unter den Briten gab es immer wieder große Visionäre, es gab Ada Lovelace, die heute als erster Programmierer überhaupt bezeichnet wird. Es gab Alan Turing, einen der Gründerväter der Informatiker. Und nicht zuletzt den Erfinder des Internets, Tim Berners-Lee. Eine tolle Tradition.

Auch die USA haben kürzlich einen Rahmenplan für Informatik entwickelt, der vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse reicht. Er umreißt die Aspekte des Themas in einer sehr klaren und guten Weise. Von der Lektüre dieses Ansatzes kann sicherlich jedes Land profitieren.

Zur Person

Linda Liukas, 30, ist Autorin, Illustratorin und Programmiererin und kommt aus Finnland. Zuletzt veröffentlichte sie das Buch „Hello Ruby“, in dem ein kleines Mädchen Abenteuer erlebt und sich spielerisch dem Thema Programmieren nähert. Das Buch ist seit kurzem auch auf deutsch erhältlich.

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