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„Ey du Opfer!“ Was tun gegen Cybermobbing?

Unzählige Kanäle, jederzeit und überall verfügbar: Was wir sonst am Internet schätzen, wird bei Cybermobbing zum Problem. Rund 1,4 Millionen Kinder in Deutschland sind davon betroffen. Aber: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum! Was Eltern dazu wissen müssen.

Es hätte ein schöner Tag werden sollen. Doch an ihren 14. Geburtstag erinnert sich Sylvia Hamacher auch Jahre später nur ungern zurück. „Von heute auf morgen änderte sich alles“, sagt sie. Nach ihrer Geburtstagsfeier beginnt für sie ein Martyrium, das sie bis zum Ende ihrer Schulzeit verfolgen wird. Weil sie nicht alle Mädchen eingeladen hat, wendet sich die Klasse gegen sie. Die Freundinnen lassen sie auf einmal links liegen, ignorieren sie komplett. „Ich war weniger als Luft für die anderen“, erinnert sie sich. Doch dabei bleibt es nicht: Es folgen Beschimpfungen, tätliche Angriffe, Drohungen. Am Ende kann sie nicht mal mehr auf dem Pausenhof stehen, ohne beschimpft, bespuckt und geschubst zu werden. Doch damit nicht genug: Im Internet gründen ihre Mitschüler Lästerchats, in denen sie Gerüchte verbreiten – Sylvia sei eine Schlampe und leicht zu haben. Es dauert nicht lange, bis ältere Schüler anzügliche Sprüche oder zweideutige Gesten machen. Anfangs versucht sie sich zu wehren, konfrontiert ihre Peiniger. Später zieht sie sich mehr und mehr zurück, denkt schließlich sogar an Suizid. 

Laut einer Studie sind in Deutschland aktuell rund 1,4 Millionen Jugendliche von Cybermobbing betroffen.

Sylvias Geschichte klingt drastisch – und leider ist sie kein Einzelfall. Laut einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing gibt es in Deutschland aktuell rund 1,4 Millionen betroffene Jugendliche. Je nach Untersuchung variieren die Zahlen etwas, doch verschiedene Hochschul-Arbeiten kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Statistisch gesehen sind 14-Jährige am häufigsten betroffen, etwa jeder zehnte Schüler wurde bereits online gemobbt. „Cybermobbing ist ein großes Problem“, bestätigt Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Zwar sei Mobbing kein neues Phänomen, durch die Digitalisierung habe es aber neue Formen angenommen. Vor allem in zwei Punkten unterscheidet sich die virtuelle Variante vom klassischen Schulhofmobbing: „Das Publikum ist viel größer und die Pein nach der Schule nicht vorbei. Das Mobbing findet quasi rund um die Uhr statt“, sagt Seifried. In sozialen Netzwerken laden die Täter kompromittierende Bilder und Videos ihrer Opfer hoch, lästern, schreiben beleidigende Kommentare, streuen Gerüchte – und sammeln dafür oft jede Menge Likes. „Die Hemmschwelle, sich im Internet an Mobbing zu beteiligen, ist viel geringer als die Konfrontation im realen Leben zu suchen“, erklärt der Psychologe. Gruppendynamik, Gedankenlosigkeit, vermeintliche Anonymität und Erleichterung darüber, selbst kein Opfer zu sein, spielen dabei eine Rolle. Überraschende Erkenntnis: Oft werden im Internet jene zu Tätern, die zuvor selbst gemobbt wurden. 

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Eltern bekommen Mobbing oft nicht mit

Was aber können Eltern tun, um ihr Kind vor Cybermobbing zu schützen? Zunächst gilt es, überhaupt davon zu erfahren. Experten schätzen, dass nur 30 Prozent der Fälle ans Licht kommen und ein Großteil des Mobbings hinter dem Rücken der Erwachsenen stattfindet. Für Eltern heißt das: Sensibel sein, nachfragen, Vertrauen aufbauen und sich auf die Frage, wie es in der Schule war, nicht mit einem knappen „gut“ abspeisen lassen. Auch Veränderungen sind Warnzeichen: Hat das Kind auf einmal oft Kopf- oder Bauchweh? Will es nicht mehr in die Schule gehen? Ist es traurig und zieht sich zurück? Unternimmt es weniger mit Freunden? Kommt es zu einem Leistungsabfall in der Schule? „Für Kinder ist es extrem schwierig, das Thema anzusprechen“, betont Seifried. Die Scham sei groß und oft komme die Angst hinzu, dass das Mobbing noch schlimmer wird, sobald man es anspricht. Doch tatsächlich ist genau das der einzige Weg, es zu beenden. 

Die Täter oder die Eltern des Täters konfrontieren? Davon raten Experten ab.

Erfahren Eltern davon, sollten sie schnell und entschlossen handeln. Als erstes gilt es, die Schulleitung zu informieren, den Klassenlehrer und wenn möglich Vertrauenslehrer oder Schulpsychologen hinzuzuziehen. Außerdem sollte das Mobbing dokumentiert werden: Wer tut wann wo was? Gibt es Zeugen? Screenshots und gespeicherte Nachrichten sind wichtige Beweise. „Eine Art Mobbing-Tagebuch kann sehr hilfreich sein, um der Schulleitung den Ernst der Lage aufzuzeigen oder rechtliche Schritte einzuleiten“, sagt Seifried. Davon, die Täter oder die Eltern des Täters selbst zu konfrontieren, rät er ab: „Das endet oft in gegenseitigen Schuldzuweisungen, die dem Opfer nichts bringen.“

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Was kann eine Cybermobbing-Versicherung leisten?

Mittlerweile gibt es außerdem Versicherungsangebote, die vor Cybermobbing schützen sollen. Mit „Robin Childhood“ etwa haben die Hamburger Versicherungsmakler Kathleen Pohlers und Alexander Spiegel ein solches Angebot geschaffen. Es ist nicht das erste dieser Art, aber das umfassendste, weil es auch bei Gefahren wie Cyberstalking oder Cybergrooming greift, also der sexuell motivierten Annährung Erwachsener an Kinder im Internet. „Als Eltern haben wir uns darüber geärgert, wie machtlos man solchen Gefahren aus dem Internet gegenübersteht“, sagt Pohlers. 

Die Versicherung umfasst ein Experten-Netzwerk und verspricht schnelle Hilfe im Ernstfall. Psychologen betreuen das Opfer, IT-Forensiker sichern Beweise und Juristen entfernen kritische Inhalte aus dem Internet. „Man hört ja ständig, dass das Internet nicht vergisst und einmal eingestellte Inhalte nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind“, sagt Spiegel, „aber das stimmt einfach nicht.“ Auf Medienrecht spezialisierte Juristen könnten die meisten Inhalte binnen weniger Tage löschen lassen und zudem rechtliche Schritte einleiten, falls den Mobbern anders nicht beizukommen ist. Zwar gibt es in Deutschland kein Gesetz gegen Cybermobbing. Doch viele damit verbundene Handlungen wie Nötigung, Verleumdung, üble Nachrede oder Beleidigung sind strafbar. Auch zivilrechtliche Schritte wie schriftliche Abmahnungen oder Unterlassungsklagen sind eine Option. „Oft reicht die Androhung solcher Schritte schon, schließlich geht es um Jugendliche und nicht um Schwerverbrecher“, sagt Spiegel. Doch auch wenn solche Maßnahmen nur in wenigen Fällen nötig sind oder einen Ausweg bieten, wenn die Schule die Situation nicht in den Griff bekommt – Pohlers und Spiegel ist die Botschaft wichtig: „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“

Wie schwer es ist, sich gegen Angriffe im Netz ohne professionelle Hilfe zu wehren, hat Sylvia erfahren. „Meine Mitschüler nutzten ICQ und Schüler-VZ, um sich abzusprechen und Gerüchte in die Welt zu setzen. Es war unmöglich, sich vor der Demütigung zu schützen“, erzählt sie. Schließlich vertraut das Mädchen sich ihren Eltern und der Schulleitung an. Doch zunächst ändert sich wenig. Die Vertrauenslehrerin rät ihr, die Schule nicht zu wechseln, weil dieser Schritt den Tätern in die Hände spielen würde. Der Rat entspricht der Einschätzung vieler Experten. „Es ist wichtig, dass im Zweifel eher der Täter als das Opfer die Schule wechselt. Im Idealfall können aber beide an der Schule bleiben“, sagt Seifried, der fast drei Jahrzehnte als Schulpsychologe gearbeitet hat. Das funktioniere allerdings nur, wenn es gelingt, das Mobbing konsequent zu unterbinden. Bei Sylvia hat das nicht funktioniert, sie wechselt schließlich auf ein anderes Gymnasium. Für sie war das die richtige Entscheidung: „Es kommt immer auf das Stadium an, in dem sich die Gruppendynamik des Mobbings befindet. Es sollte um die Bedürfnisse des Betroffenen gehen. Fühlt dieser sich nicht mehr in der Lage die Schule zu besuchen, sollte auch ein Wechsel nicht pauschal ausgeschlossen werden.“

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Typische Mobbing-Opfer gibt es nicht

Wirklich gefeit ist übrigens niemand vor Cybermobbing. Eine Studie amerikanischer Psychologen zeigt, dass es keine typischen Mobbing-Opfer gibt. Das Klischee des bebrillten Strebers oder des pickligen Dicken hat wenig mit der Realität im Klassenzimmer zu tun. Manchmal sorgen schlicht Neid oder Konkurrenzdruck dafür, dass selbst frühere Freunde zu Opfern und Tätern werden. Das zeigt auch Sylvias Beispiel: Vor der Geburtstagsfeier war sie gut in ihre Klasse integriert und hatte viele Freunde. Wie die intelligente, hübsche und freundliche Frau zum Opfer werden konnte, ist auch heute schwer vorstellbar. 2012 hat Sylvia ihr Abitur gemacht, studiert nun Medizin und hält Vorträge zum Thema Mobbing – vor allen an Schulen. Sie hat zwei Bücher zum Thema geschrieben und obwohl sie ihre eigene Schulzeit am liebsten vergessen würde, hat sie sich doch für einen anderen Weg entschieden. Denn sie weiß: Mobbing kann jeden treffen. 

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