Experten-Interview

Vorlesen mit dem Tablet? Na klar!

Warum interaktive Vorlese-Apps eine prima Sache sind und was Eltern beim Vorlesen mit dem Tablet beachten sollen? Dr. Sigrid Fahrer von der Stiftung Lesen hat es Coding Kids beantwortet.

Lesen auf Bildschirmen – das klingt in den Ohren der meisten Eltern erst einmal verrückt. Schließlich ist das gute alte Vorlesebuch ein lieb gewonnener Freund. Aber: Kinder lieben Bildschirme! Warum nicht diese Begeisterung nutzen, um sie an Lesen und Sprache heranzuführen? Wir wollten es genauer wissen und fragten Dr. Sigrid Fahrer, Leiterin „Digitale Strategie“ bei der Stiftung Lesen.

Kinder schauen gerne auf Bildschirme, sie sind regelrecht fasziniert von ihnen. Woran liegt das?

Interaktivität ist hier das große Stichwort. Kinder lieben es, wenn sie drücken, tippen oder wischen können und daraufhin passiert etwas. Das hat auch mit Selbstwirksamkeit zu tun. Der große Vorteil der neuen Medien ist ja, dass die Kinder eingeladen werden, zu interagieren. 

Wie kann man sich das vorstellen?

„Lesen auf Bildschirmen kann die Motivation steigern.“ Dr. Sigrid Fahrer

In einer Märchen-App kann man beispielsweise Aschenputtel dabei helfen, die Küche sauber zu halten. Da geht es auch um emotionales Miterleben, ein ganz wichtiger Faktor. Auch für die, die bisher nicht so gerne gelesen haben. Heruntergebrochen kann man sagen: Lesen auf Bildschirmen kann die Motivation steigern. 

Worauf sollten Eltern und Großeltern achten, wenn sie eine Vorlese-App aussuchen?

Sehen Sie sich die Geschichten erst einmal alleine an und beurteilen sie, ob sie zum Kind, seinen Bedürfnissen und Interessen passen. Ist die App gestalterisch überladen, kann das von der Geschichte ablenken. Es geht bei interaktiven Geschichten-Apps ja ums Lesen und nicht um technischen Schnickschnack. Der Einstieg in diese Welt macht Kindern übrigens besonderen Spaß, wenn sie die Figuren aus anderen Medien schon kennen. Ich denke da etwa an die Schlümpfe oder die Eisprinzessin Elsa. 

Wie sehen die ersten Schritte aus, wenn man mit interaktiven Lese-Apps starten möchte?

Sie brauchen ein Smartphone oder Tablet, eine Internetverbindung und einen Zugang zu einem Online-Geschäft für Apps. Ist die passende App heruntergeladen, kann man sie auch offline nutzen. Die meisten interagierenden Apps sind für iOS entwickelt worden, aber in jedem Online-Geschäft für Apps gibt es Lese-Angebote extra für Kinder. Märchen bieten einen besonders schönen Einstieg. Oft sind sie ja schon bekannt – die Apps geben ihnen dann einen spannenden Dreh, was für die Kinder und auch die erwachsenen Vorleser aufregend ist. 

Ab welchem Alter empfehlen Sie Vorlese-Apps?

Ab vier Jahren macht es den Kindern besonders viel Spaß. Davor sollten interaktive Geschichten-Apps nur in Begleitung der Eltern betrachtet werden. Sie merken am besten, wenn die Geschichte und die Interaktionsangebote die Kinder überfordern. Dann einfach so stehen lassen und zu einem anderen Zeitpunkt weitermachen.  

Welche Apps können Sie besonders empfehlen?

Eine meiner Lieblings-Apps ist David Wiesner’s Spot. Die Wimmelbuch-App kommt komplett ohne Text aus. Eine eindrückliche Irrgarten-Bilderwelt wird skurril aufgefaltet und lädt zum gemeinsamen Entdecken ein. Da die App ohne Text auskommt, ist sie besonders für mehrsprachige Vorlesesituationen geeignet. Denn beim gemeinsamen Beschreiben und Erzählen wird der Wortschatz ganz nebenbei erweitert.

Wo kann man sich weiter über gute interaktive Geschichten informieren?

Wir haben auf der Seite von Stiftung Lesen im Bereich digitales Lesen viele Hinweise auf Apps, die von uns geprüft wurden. Dazu kann man sich auch über Fragen des Jugendschutzes informieren. Und wir haben einen Screencast, der erklärt, wie man interaktive Geschichten herunterlädt. 

Verstehen Sie die Sorgen von Erwachsenen, dass Kinder zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?

Die Sorgen sind ja weniger dem Bildschirm gewidmet als der Angst, dass die Kinder da monothematisch immer dasselbe tun. Ich finde es wichtig, dass Eltern ihren Kindern ein breites Freizeitangebot unterbreiten. Basteln, auf Bäume klettern, Hörspiele hören und eben auch digital lesen. Wichtig ist, klare Vereinbarungen zu treffen, wann die Medienzeit ein Ende hat. 

Also müssen sich Eltern und Großeltern nicht sorgen und können getrost mit ihren Kindern und Enkelkindern digital lesen?

Es kommt ja weniger auf das Ausgabemediun als den Inhalt an. Viele interaktive Geschichten-Apps sind für die ganz Kleinen gar nicht geeignet, die dann schnell die Lust verlieren. Am liebsten wollen Kinder etwas mit ihren Eltern unternehmen. Gemeinsam lesen, über Geschichten sprechen. Ein Tablet soll nicht zur Selbstbeschäftigung sein, mit dem man das Kind in der Ecke parkt. 

Wo liegt für Sie der große Vorteil von interaktiven Geschichten?

„Beim Einschlaf-Ritual nutzen Eltern lieber Bücher. Das Tablet ist eher etwas fürs Sofa.“ Dr. Sigrid Fahrer

In Studien haben wir herausgefunden, dass sich Männer nicht unbedingt in den Vordergrund drängen, wenn es ums Vorlesen geht. Da herrscht noch die klassische Rollenverteilung: Der Vater tobt mit den Kindern, die Mutter liest vor. Mit dem Tablet macht es den Vätern mehr Freude. Dadurch können neue Vorlese-Vorbilder entstehen, was ich sehr schön finde.

Der zweite Vorteil ist, dass man so ein Tablet viel schneller eingepackt hat als Bücher. Es braucht im Gepäck weniger Platz und ist leichter. Gerade auf Reisen oder in einer Wartesituation beim Arzt kann man spontan vorlesen – was das Elternleben erleichtert. Übrigens nutzen Eltern beim Einschlaf-Ritual lieber Bücher. Es ist ja auch gemütlicher, sich mit einem Buch ins Bett zu kuscheln. Das Tablet ist eher etwas fürs Sofa.

Zum Schluss noch eine Bitte: Können Sie eine Lanze fürs Vorlesen brechen?

Aber gerne doch! Vorlesen hat viele positive Aspekte: Es fördert den Spracherwerb und die Fantasie. In einer unserer letzten Studien konnten wir herausfinden, dass es auch Empathie und das soziale Miteinander verbessert. Kinder, die lesen und vorgelesen bekommen, sind besser in der Schule und greifen in Konfliktsituationen öfter moderierend ein. Für die familiäre Bindung und das gemütliche Zusammensein ist Vorlesen sehr wichtig. Und für die Kinder ist es auch immer eine Möglichkeit, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Dazu kommt, dass schwere Situationen mit Geschichten besser verarbeitet werden können. Das ist doch eine ganze Menge!

Wir danken Ihnen für das Gespräch, Frau Dr. Fahrer. Sie können sich denken, was wir heute Abend machen: vorlesen!

Vorlesen, bitte!

  • Kinder lieben Vorlesen: 91 % derjenigen, denen vorgelesen wird, sagen, dass es ihnen immer gut gefällt.
  • Kinder schätzen am Vorlesen vor allem die Atmosphäre (55 % „Dass es so gemütlich ist“), die Geschichten (46 % „Dass ich tolle Geschichten hören kann“) und die Nähe zu den Eltern (45 % „Dass Mama und Papa sich Zeit nehmen“).
  • Aber etwa ein Drittel der Eltern liest zu selten vor (1x in der Woche oder seltener). Vor allem die Väter (47 Prozent) treten dabei selten bis nie als Vorleser in Erscheinung.
  • 49 % der Kinder, denen selten oder nie vorgelesen wird, wünschen sich, dass ihnen öfter vorgelesen wird. Insgesamt sind es 30 % der Kinder, denen vorgelesen wird/wurde, die sich häufigeres Vorlesen wünschen.

Deshalb fordert die Stiftung Lesen: 15 Minuten Vorlesen für jedes Kind jeden Tag!

JETZT TEILEN

Die beliebtesten Themen