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Machen

Wenn die Klasse online zusammenarbeitet

Lehrerin Nina Toller setzt auf Online-Portfolios und kollaboratives Arbeiten.

An zahllosen Orten Deutschlands bringen Lehrerinnen und Lehrer digitale Inhalte und Ansätze in die Klassenzimmer. In der Serie „Das Vorbild“ stellt Coding Kids Pädagogen und ihre ausgewählten Projekte vor. Die Lehrerin Nina Toller aus  Duisburg setzt in ihrem Unterricht ganz bewusst auf digitale Medien – wenn sie diese für geeigneter hält als den analogen Weg. Gerne verwendet sie Google Docs, um gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern an Texten zu arbeiten und Anmerkungen zu geben. Ein positiver Nebeneffekt: Die Kinder befassen sich nicht nur motiviert mit Inhalten, sondern entwickeln auch Medienkompetenz. Ein Interview über ihre Erfahrungen.

​Frau Toller, wie nutzen Sie digitale Ansätze im Schulunterricht?

Lehrerin Nina Toller
Lehrerin Nina Toller

Ich binde digitale Medien in meinen Unterricht ein, wenn ich den digitalen Weg für besser geeignet halte als das analoge Medium. Dabei nutzen die Schüler oft ihre Smartphones (BYOD, „Bring your own device“). Auf der einen Seite stelle ich also Unterrichtsinhalte, wie zum Beispiel Arbeitsblätter oder Videos/Audios, digital zur Verfügung, die die Schüler dann mit ihrem Handy abrufen und bearbeiten können. Auf der anderen Seite produzieren die Schüler mit ihren Smartphones ebenfalls Materialien, etwa Erklärvideos, Präsentationen, Kurzfilme und mehr.

Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?

Besonders stolz bin ich auf ein Projekt aus dem Englischunterricht der
Mittelstufe (Klasse 8): ein digitales Literaturprojekt. Die Schüler
durften sich aussuchen, ob sie einen englischsprachigen Roman als eBook oder gedrucktes Buch lesen möchten. Die Mehrheit wählte das eBook. Alle Aufgaben (Zusammenfassungen, Reaktionen, kreative Schreibaufgaben) wurden online in einem anonymisierten Google-Account für die ganze Klasse im Sinne eines „Online-Portfolios“ erledigt und gesammelt. Das hatte den Vorteil, dass neben Google Docs auch andere Google-Dienste genutzt werden konnten. Einige Schüler zeichneten etwa bei Google Maps die Route der geflohenen Sklaven aus den amerikanischen Südstaaten nach und versahen wichtige Orte mit weiteren Informationen.

Materialien

Unterrichtspläne: Informationen zu Nina Toller Google-Doc-Projekt und weitere Materialien finden sich hier.

Weitere Projekte: Beispiele für Nina Tollers andere digitale Projekte, etwa für QR-Codes im Lateinunterricht, gibt es hier.

Als Lehrkraft konnte ich den Fortschritt der Schüler jederzeit einsehen und durch die Kommentarfunktion Tipps und Hilfestellungen geben. Die Evaluation durch die Schüler zeigte am Ende der Unterrichtsreihe eine hohe Motivation, Spaß und sogar einen tollen Nebeneffekt: Die Medienkompetenz der Schüler entwickelte sich quasi „nebenbei“ weiter.

Auf welche Hürden sind Sie dabei gestoßen, woran sind Sie vielleicht sogar gescheitert?

Hürden gibt es immer, oft sind es technische. Internet in der Schule wird meist „städtisch“ angeboten, das heißt, es ist aus Kostengründen meist nicht das schnellste (und stabilste). Wenn ich im Unterricht Videos zeigen will, muss ich die teils schon in der Pause laden, um es dann in der Stunde zeigen zu können. An vielen Schulen, wie auch an
meiner, gibt es kein Wlan. Wenn ich mein privates Macbook per Kabel ans Internet anschließe, kann ich für die Schüler einen Hotspot erstellen, sodass alle im Raum Zugang zum Internet haben. Auch wenn ich nur kurz etwas recherchieren lassen möchte, kommt es immer wieder vor, dass ich mein eigenes mobiles Internet auf dem Smartphone als „persönlichen Hotspot“ zur Verfügung stelle. Sonst müsste ich meinen Unterrichtsansatz komplett umstellen. Die Annahme, dass alle genügend Datenvolumen hätten, trifft nämlich überhaupt nicht zu.

Eine weitere Hürde sind die Smartphones der Schüler. Als Lehrer muss man sich mit allen Betriebssystemen ein wenig auskennen, um etwa auf allen Geräten die Wlan-Einstellungen zu finden. Außerdem muss man wissen, welche Apps auf allen Betriebssystemen funktionieren oder eben gute Alternativen anbieten – die natürlich alle kostenlos sein sollten. Ich habe zum Glück immer Schüler, die gerne aushelfen, wenn man zum Beispiel eine Einstellung auf einem fremden Betriebssystem nicht gleich findet.

„Bei den Projekten war es faszinierend zu sehen, dass die Schüler unglaublich motiviert bei der Sache sind. Sie lernen fachlich gesehen das gleiche, nur auf andere Weise.“ Nina Toller

Eine ganz andere Sache sind rechtliche Hürden. Viele einfache Hilfsmittel, wie etwa Google Education oder Apple Classroom, sind in Deutschland an vielen Schulen entweder aus datenschutzrechtlichen oder anderen Gründen nicht erlaubt. Ich hatte also schon die ein oder andere Idee, die ich dann aber nicht umsetzen konnte. Generell sollte immer das Einverständnis der Schulleitung und / oder der Eltern eingeholt werden.

Manchmal gibt es auch so etwas wie „menschliche Hürden“. Teils müssen sich digital interessierte Lehrer mit der Rolle des Nerds abfinden, wenn sie gegenüber Lehrerkollegen auf das Digitale aufmerksam machen und es in die Schule integrieren wollen. Ich persönlich komme damit gut zurecht, habe allerdings auch noch keine Situation erlebt, bei der ich oder meine Unterrichtsidee boykottiert wurde. Ich versuche, immer mehr Lehrerkollegen mit ins Boot zu holen. Das klappt immer besser, gleichwohl muss man viel Geduld mitbringen – die sich aber letztlich lohnt!

Was haben Sie aus dem Projekt mitgenommen - und was können andere Pädagogen daraus lernen?

Bei den Projekten war es faszinierend zu sehen, dass die Schüler unglaublich motiviert bei der Sache sind. Sie lernen fachlich gesehen das gleiche, nur auf andere Weise. Außerdem kommt die Medien- und Methodenkompetenz hinzu. Es ist etwas ganz anderes, ob ich einen englischen Tagebucheintrag für mich selbst schreibe und höchstens noch in der Englischstunde vorlese. Oder ob ich ihn tippe, umstrukturieren kann, mit der Gruppe kollaborativ erstelle, mir Feedback von Mitschülern und der Lehrkraft einhole und Fehler verbessere und dann vielleicht sogar als eBook veröffentliche.

Ich kann anderen Pädagogen immer nur raten: Trauen Sie sich! Einfach machen! Es macht einem selbst so viel Spaß, wenn man sieht, was die Schüler für Resultate erzielen.

Zur Person

Nina Toller bezeichnet sich selbst als „Junglehrerin“. Sie unterrichtet Englisch, Geschichte und Latein an einem Duisburger Gymnasium. Auf ihrem Blog berichtet sich von ihren Erfahrungen mit digitalen Ansätzen im Unterricht und stellt ihre Materialien und Einsichten zur Verfügung.

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