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Interview

„Spiele bleiben oft viel besser im Gedächtnis als Texte“

Die Game-Designerin Linda Kruse über ihren Job – und warum Spiele sich heute sogar um Politik oder Ausbildungsberufe drehen.

Linda Kruse lebt den Traum zahlloser Kinder und Jugendlicher. Sie beschäftigt sich den ganzen Tag lang mit Computerspielen und wird dafür auch noch bezahlt. Die 30-Jährige ist Game-Designerin bei der Softwarefirma The Good Evil in Köln, die sie selbst gegründet hat. Im Interview mit Coding Kids spricht sie über ihren Karriereweg, wie Spiele entstehen und was Games teils besser vermitteln können als andere Medien.

Frau Kruse, Sie sind von Beruf Game-Designerin. Was können wir uns darunter vorstellen?

Die neueste Spielentwicklung von The Good Evil ist „Serena Supergreen“, ein 2D-Point-&-Click-Abenteuerspiel, das Jugendlichen bei der Berufswahl helfen soll
Die neueste Spielentwicklung von The Good Evil ist „Serena Supergreen“, ein 2D-Point-&-Click-Abenteuerspiel, das Jugendlichen bei der Berufswahl helfen soll

Game-Designer heißt kurz gesagt: Mein Job ist es, mir Spielkonzepte auszudenken und zu überlegen, welches Erlebnis ich den Spielern ermöglichen will. Welche Geschichte das Spiel hat, welche Charaktere es gibt, wie die Spieler Charaktere steuern. Welche Aufgaben die Charaktere lösen müssen, welche Wege es durch die Level gibt, was für ein Endziel es gibt – all das sind Dinge, die ich mir auf inhaltlicher Ebene ausdenke.

Welche Rolle spielt die Technik für einen Game-Designer?

Auf der technischen Ebene überlege ich gemeinsam mit unseren Grafikern und Programmierern, wie sich all diese Ideen technisch umsetzen lassen. Im Prinzip muss ein Game-Designer also alle Welten verstehen, die technische, die optische, und die strategische.

Wie sind Sie denn Game-Designer geworden?

Ich habe Filmproduktion auf Bachelor studiert und dann einen Master in Gamedesign in Köln angeschlossen. Schon vor dem Studium war ich aber immer an Spielen interessiert, habe selbst programmiert und bin so in die Games-Industrie gekommen.

Wie kamen Sie zum Programmieren?

Mit dem Abenteuerspiel „Squirrel und Bär“ lernen Kinder auf dem Tablet Englisch. Die App ist bereits mehrfach ausgenzeichnet worden, unter anderem wurde es für den Deutschen Computerspielpreis in der Kategorie „Bestes Nachwuchskonzept“ nominiert.
Mit dem Abenteuerspiel „Squirrel und Bär“ lernen Kinder auf dem Tablet Englisch. Die App ist bereits mehrfach ausgenzeichnet worden, unter anderem wurde es für den Deutschen Computerspielpreis in der Kategorie „Bestes Nachwuchskonzept“ nominiert.

Mit acht Jahren hatte ich einen Computer. Plötzlich gab es Internet und mein Bruder und ich haben uns gefragt: Hey, was ist denn das? Hey, das ist eine Website. Wie macht man die? Mit HTML. Also habe ich HTML gelernt, später Webseiten gebaut, PHP gelernt, schließlich JavaScript und Flash. Damit waren Interaktionen und Filme möglich. Spiele waren dann der nächste logische Schritt.

Wie gelingt es, es von der ersten Spielidee hin zum fertigen Spiel zu schaffen?

Das ist immer viel Ausprobieren. Wir basteln zum Beispiel auch Papierprototypen und bewegen die durch eine Welt. So probieren wir verschiedene Szenarien durch. Wenn es auf dem Papier gut funktioniert und das Konzept schlüssig ist, dann können wir es auch digital umsetzen und testen, mit Kindern, Jugendlichen oder mit Erwachsenen.

Was sollen die Tests zeigen?

Wir wollen herausfinden, ob unsere Ziele wirklich funktionieren. Haben die Spieler wirklich das Erlebnis, das wir geplant hatten? Stellen sich die Spieler die Fragen, die wir uns erhofft haben? Gerade entwickeln wir zum Beispiel ein kleines Spiel speziell für Mädchen, mit dem wir Mädchen über Ausbildungsberufe in den erneuerbaren Energien informieren wollen. Da haben wir natürlich viel Zeit mit Mädchen verbracht, um den Spielcharakter für sie möglichst interessant zu gestalten. Wir haben untersucht, wo dieser Charakter leben sollte, welche Lebensrealität er haben soll, welche Interaktionsmöglichkeiten Mädchen spannend finden – zum Beispiel Interaktionen mit Tieren.

Was können Spiele vielleicht besser vermitteln als andere Medien?

Über Spiele lassen sich sehr gut Wechselwirkungen verschiedener Elemente demonstrieren. Das klassische Beispiel ist das Spiel Sim City, in dem sich Städte bauen lassen. Spieler merken, dass sie eine Straße nicht ohne Kanalisation bauen können. Das Spiel zeigt, wie komplex Systeme sind und macht sie erlebbar. Ebenfalls können Spiele sehr gut Erlebnisse schaffen und den Spielern ermöglichen, die eigene Geschichte zu kreieren. 

Spieler finden eigene Lösungswege und erfinden eine Handlung, die sich dann auch wieder erzählen lässt. Spiele bleiben oft viel besser im Gedächtnis als Texte. Unabhängig davon, ob das ein Lernspiel ist oder ein „gewöhnliches Spiel“. Jedes Spiel verlangt von den Spielern Entscheidungen, ohne die Interaktion des Spielers mit dem Spiel läuft nichts.

Ihre Firma hat sich unter anderem auf sogenannte Newsgames spezialisiert. Was ist das eigentlich genau?

Politsche Spiele mit der heute-Show

Neben Spielen für Kinder haben the Good Evil zusammen mit der ZDF-heute-Show auch mehrere kurzweilige politische Spiele entwickelt.

Bei President Evil steuert der Spieler eine Sonde durch das Gehirn von Us-Präsident Donald Trump und heilt seine kranken Gedanken.

Das Spiel Metadatensauger ist angelehnt an das alte Handyspiel Snake. In der Rolle von Innenminister Thomas de Maizière oder Justizminister Heiko Maas muss der Spieler so viele Daten wie möglich sammlen, um einen lange Schlange zu werden.


Newsgames sind eine Untergruppierung von Serious Games (digitale Spiele, die nicht primär der Unterhaltung dienen), also eine Bezeichnung für Spiele, die in einem Zusammenhang mit Nachrichten erstellt werden. Mit einem Newsgame lassen sich bestimmte Inhalte oder aktuelle Debatten noch besser transportieren. Gerade für Menschen, die eher keinen zehnseitigen Artikel zum Thema lesen. Über Newsgames kann man solchen Menschen vermitteln, worum es bei einem Thema geht und sie vielleicht sogar überzeugen, dass das Thema für ihr eigenes Leben von Bedeutung ist. Newsgames sind also eine Art Hilfszugang für Leute, die sich nicht klassischerweise für Nachrichten und Hintergründe interessieren. Thematisch können diese Spiele sich wirklich mit allem möglichen beschäftigen.

Wie kann das dann konkret aussehen?

Eines der bekanntesten Newsgames dreht sich um die Rolle der Piraten vor Somalia („Cutthroat Capitalism“, benötigt Flash). Das verdeutlicht den Spielern, unter welchem Druck jemand steht, der sich entschließt, Pirat zu werden. Natürlich kann man es nicht befürworten, wenn jemand Menschen entführt, um Lösegeld zu erpressen. Wenn ein Spieler aber selbst in eine Position gebracht wird, in der er kein Geld hat und ihm andere Wege genommen wurden, ein Auskommen zu verdienen, dann ist ein anderes Verständnis möglich für Menschen, für die es ein letzter Ausweg ist, Pirat zu werden. 

Zur Person:

Linda Kruse (30), ist Mitgründerin der Softwareschmiede The Good Evil GmbH mit Sitz in Köln. Kruse arbeitet dort als Game-Designerin.

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