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Interview

„Digitalisierung in den Schulen muss vorankommen“

Kurz bevor Brigitte Zypries, 64, ihr Amt als Wirtschaftsministerin niederlegte, nahm sie sich für Coding Kids Zeit. Im Interview erzählt sie, warum Kinder coden lernen sollten, wie die Jobs der Zukunft aussehen werden und wie sich ihr Leben durch die Digitalisierung verändert hat.

Ein Abschiedsinterview muss keine traurige Angelegenheit sein – das beweist Brigitte Zypries, die ein paar Tage nach unserem Gespräch ihr Amt als Bundeswirtschaftsministerin niederlegte. Uns gegenüber strahlte sie in Punkto Digitalisierung, Jobs der Zukunft und Deutschlands Wirtschaftsstandort ganz viel Zuversicht aus. 

Wie steht Deutschland heute in Sachen Digitalisierung da?

Die Statistiken belegen uns einen guten Mittelfeldplatz, wir sollten aber längst weiter oben im Ranking sein.  Die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft ist eine der zentralen Aufgaben unserer Zeit, deshalb ist es wichtig, dass wir uns innovativ aufstellen und die Menschen fit für die digitale Zukunft werden. Die neue Bundesregierung wird ihren Fokus daher auf eine bessere digitale Infrastruktur und eine bessere digitale Ausrüstung von Schulen und Berufsschulen legen. Auch der Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung gehört ganz oben auf die Agenda.

Und wenn wir auf Europa schauen?

Frauen und Flaggen: Brigitte Zypries empfing Sandra und Kira von Coding Kids im Wirtschaftsministerium.
Frauen und Flaggen: Brigitte Zypries empfing Sandra und Kira von Coding Kids im Wirtschaftsministerium.

International gesehen ging der Punkt beim Wettbewerb der digitalen Plattformen an die Vereinigten Staaten, an Unternehmen wie Apple, Facebook oder Amazon. Die deutsche Wirtschaft ist durch Industrie und industrienahe Dienstleistungen geprägt und hat daher eine sehr gute Ausgangsposition für die 2. Runde, das wird die der Industrie 4.0. Da geht es um die Vernetzung von Maschine mit Maschine, um das Internet der Dinge. Deutsche Unternehmen zählen da international zu den Vor- und Spitzenreitern. Man kann sagen, die Amerikaner haben das Internet, wir haben die Dinge.

Wir werden in Zukunft Fachkräfte brauchen, die diese Vernetzung von Maschinen umzusetzen. Was ist für junge Leute heute wichtig, um auf die Berufe der Zukunft vorbereitet zu sein?

Es ist notwendig, sein Mindset richtig zu „konfigurieren“, also offen für Veränderungen zu sein. Diese gehen heute nun mal viel schneller als früher. Ich würde auch empfehlen, dass man sich fragt: „Wie kann ich Dinge verändern? Was könnte ich dank und mit der Digitalisierung machen?“ Das scheint mir das Wichtigste zu sein. Also nicht so sehr die tatsächliche Fertigkeit des Programmierens – die gedankliche Einstellung, was sich durch und mit Digitalisierung alles ändern lässt, ist sehr viel entscheidender.

Momentan wird das Internet überwiegend genutzt – gestalten tun es aber die wenigsten.

Die Denkweise: „Ich nutze es einfach nur“ greift mir ein bisschen zu kurz. Bei den meisten gilt das nämlich fürs soziale Vernetzen oder um mal einen Flug zu buchen. Aber das ist nicht das, was das Netz uns bieten kann und was an Veränderungspotenzial drinsteckt. Es wäre gut, man würde ein bisschen darüber hinausdenken und mehr ausprobieren. 

Wie werden sich Berufe in der Zukunft verändern?

Durch die Digitalisierung werden bestimmte Berufe wegfallen, andere entstehen dafür. Das ist ein ganz normaler Prozess bei einer Veränderung der Arbeitswelt durch Technologie – so war es auch bei der Einführung der Elektrizität, des Autos und des Fließbandes.

Können sie uns Beispiele geben?

Der heutige Lastkraftwagenfahrer könnte als Beruf überflüssig werden, wenn es das autonome Fahren gibt. Auch medizinische und juristische Berufe werden sich verändern – durch künstliche Intelligenz. So kann ‚Watson‘ zum Beispiel eine treffsicherere Diagnose stellen als der Landarzt, weil er ganz andere Datenmengen verarbeiten und vergleichen kann, um zu einem Ergebnis zu kommen. Aber natürlich braucht es weiterhin den Landarzt, der den Befund seinem Patienten erklärt und die Therapie mit ihm festlegt. Also: Immer dann, wenn es um soziale Kompetenz, Empathie und  Zwischenmenschliches geht, kann künstliche Intelligenz nicht mithalten. Alle Tätigkeiten, die vor allem mit Daten-Auswertung zu tun haben, werden möglicherweise ersetzt.

Wie können Eltern ihre Kinder optimal auf die Berufe der Zukunft vorbereiten?

Da gilt das, was immer gilt: Kinder müssen möglichst viele Angebote bekommen – damit sie herausfinden, was ihnen Spaß macht. Man kann sie zu nichts zwingen. Sondern sollte schauen, wo ihre Begabungen liegen, um diese dann zu fördern. Und wenn das keine Digitalbegabung ist, sondern eine musische, dann ist das auch in Ordnung. Großartige Musiker brauchen wir nämlich auch in der Zukunft.

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Was muss Schule leisten, um Schülerinnen und Schüler auf eine digitalisierte Welt vorzubereiten?

Ich persönlich bin der Auffassung, dass man Coding-Angebote in allen Schulen machen muss. Ansonsten würde es dabei bleiben, dass nur die Kinder damit in Berührung kommen, deren Eltern sich um ihr digitales Fortkommen kümmern und sie samstags in Coding-Kurse schicken. Wir müssen uns aber bemühen, alle zu erreichen, denn alle werden in unserer digitalisierten Welt damit umgehen müssen. Deswegen haben wir Calliope-Mini für die Schüler von dritten Klassen gefördert. Jetzt müssen wir sehen, dass wir ihn deutschlandweit ausgerollt bekommen.    

Wie wichtig ist Medienerziehung?

Es ist elementar, dass die Digitalisierung in den Schulen vorankommt und Coden gelehrt wird. Aber wichtig ist eben auch, wie man mit dem Internet umgeht. Dass es beispielsweise andere Angebote als Wikipedia gibt, wenn man im Netz eine Information sucht. All das und noch viel mehr sollten Schulkinder lernen. Und das geht auch! Wenn Lehrerinnen und Lehrer sich dazu nicht in der Lage sehen, muss man ergänzend Menschen von außen in die Schulen holen, die das z.B. nachmittags in Kursen anbieten. Es wäre auch schön, wenn sich jede einzelne Schule da ein bisschen mehr verantwortlich fühlen würde, damit wir unsere jungen Leute fitter für die Zukunft machen können.

Es scheint so, als käme alles sehr schleppend in Gang.

Wir haben als Bundesregierung jetzt beschlossen, dass der Bund den Ländern zielgerichtet Geld für die Bildung  geben kann. Die Mittel sollen dafür verwandt werden, die Schulen in Punkto Digitalisierung und Medienerziehung besser auszustatten. Es geht nicht um Whiteboards, sondern darum, dass man Tablets im Unterricht nutzen kann und andere Arbeitsformen lernt. 

Was verstehen Sie unter dem Begriff Programmieren?

Mit Programmieren schreibe ich einen Text, der ein bestimmtes Verhalten im Netz auslöst oder ermöglicht. Programmieren ist also die Sprache der Digitalisierung.  

Konnten Sie Programmieren selbst schon einmal ausprobieren?

Ich habe ein Programm vom MIT mal ausprobieren dürfen, das für Kinder entwickelt wurde. Und ich habe natürlich am Calliope herumprobiert – aber da könnte ich durchaus besser werden. (lacht)

Wie hat sich Ihr Leben durch die Digitalisierung verändert?

Zum einen ist es viel schneller geworden. Zum anderen hat es mir ermöglicht, viel besser Kontakte aufrecht zu erhalten – zu den Bürgern, aber zum Beispiel auch zu meiner Familie. Wahrscheinlich hat jeder so eine Familien-Gruppe, über die man deutlich mehr mitbekommt, was bei den Kids los ist, als es früher der Fall war. Und die Digitalisierung ist schon seit vielen Jahren Teil meiner Berufstätigkeit. Ich befasse mich seit 1998 mit ihr. Da ging es im allerersten Schritt darum, wie die Bundesregierung mit E-Mail-Verkehr und Internet umgeht. Das ist gerade einmal 20 Jahre her. Das ist schon eine unglaubliche Entwicklung, die da stattgefunden hat. Und Digitalisierung muss auch für die neue Bundesregierung eine Top-Priorität sein, wenn wir in Deutschland konkurrenzfähig und erfolgreich bleiben wollen.

Hätten Sie damals gedacht, wie sehr das Internet die Gesellschaft verändern wird?

Nein, niemals! Ich als Juristin schon mal gar nicht. Man hätte es vielleicht voraussehen können, aber davon war ich weit entfernt, damals, 1989/99 als  die Bundesregierung von Bonn nach Berlin zog. Damals gab es z. B.  große Auseinandersetzungen darüber, ob jemand mit 45 Jahren oder älter überhaupt noch die Arbeit mit einem Computer lernen muss. Denn viele Mitarbeiter lehnten das ab. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, welche Debatten wir damals mit den Personalräten geführt haben. 

Verstehen Sie, dass viele Menschen Bedenken gegenüber Technik und Internet haben – vor allem ältere Leute?

Ich teile diese Einschätzung nicht, meiner Meinung nach beziehen sich die Bedenken und Ängste eher auf die Veränderungen in der Berufswelt und der Gesellschaft. Was den individuellen Nutzer anbelangt, sieht das anders aus. Hier überwiegt der persönliche Vorteil. Ich kenne eigentlich nur ältere Leute, die z.B. begeistert sind, weil sie sich jetzt im Netz informieren können oder mit ihren Enkelkindern facetimen.

Fan der Digitalisierung: Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries
Fan der Digitalisierung: Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries

Brigitte Zypries

Die Juristin Brigitte Zypries, 64, kommt aus Hessen (geboren in Kassel, wohnhaft in Darmstadt). Bis 2009 war die Sozialdemokratin Bundesjustizministerin und seit Januar 2017 Wirtschaftsministerin. In diesem Amt lagen ihr die Themen Start-ups, Frauen und Afrika besonders am Herzen. Im März 2018 übergab sie ihr Amt an den CDU-Politiker Peter Altmaier. Brigitte Zypries war insgesamt 13 Jahre in der Bundespolitik tätig. 

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