Diskussion

Wenn Lobbyisten in die Schule kommen

Eine Diskussion zur Frage, wie weit Schulen und Wirtschaft zusammenarbeiten sollten.

Bildung liegt in Deutschland zu einem großen Teil in der Verantwortung des Staates. Eigentlich. Denn in der Realität engagieren sich in deutschen Schulen schon seit langem Unternehmen und Wirtschaftsvertreter. Beim Thema digitale Bildung ist der Einfluss besonders stark: Firmen sponsern Klassensätze Computer oder Tablets, stellen Unterrichtsmaterialien zur Verfügung oder bieten Lehrern und Schülern anderweitig Angebote. Dieser Einfluss ist umstritten. Kann die Zusammenarbeit zwischen Bildungsinstitutionen und Wirtschaft auch sinnvoll sein? Wo müssen die Grenzen der Kooperation liegen, gibt es vielleicht auch Gefahren? Über dieses Thema diskutierten die Teilnehmer im Bildungssalon Spezial der Werkstatt der Bundeszentrale für politische Bildung.

Einige Teilnehmer der Diskussion diagnostizieren ein Vakuum in der digitalen Bildung. „Schulen sind auf externe Unterstützung aus der Wirtschaft angewiesen“, sagt etwa Juliane Petrich vom Branchenverband Bitkom. Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert die Bildungspolitik: „Es ist ein Versäumnis der Politik, die Schulen nicht in die Lage versetzt zu haben, sich dem Thema digitale Bildung neutral zu nähern.“ Unter den Zuhörern herrscht Zustimmung. Der Staat sei der Meinung, dass digitale Bildung zum Nulltarif zu haben sei, ist zu hören. „Und da springt die Wirtschaft natürlich ein“, heißt es.

Was Schulen brauchen

„Wir erleben an Schulen oft gut gemeinte Unterstützung in Form von Hardware“, berichtet Günter Hoffmann. Er ist Lehrer an der Gesamtschule Bellevue Saarbrücken und Projektleiter Smart School, einem Pilotprojekt zur digitalen Schule unter dem Dach des Verbands Bitkom. Das mache aber plötzlich Fortbildungen für die Kollegen nötig, sagt Hoffmann. „Wir müssen sicherstellen, dass jeder Weg, für den wir uns entscheiden, auch die Möglichkeiten bietet, die Lehrer dafür weiterzubilden.“

„Hardware-Ausstattung ist heute nicht mehr maßgeblich“, sagt Astrid Aupperle, Leiterin Gesellschaftliches Engagement bei Microsoft Deutschland. Der Grund: Zahllose Schüler besitzen heute bereits ein Smartphone, das sie in den Unterricht mitbringen. „Heute geht es an den Schulen um Infrastruktur, um grundlegende Dinge wie Wlan.“

Mangelhafte Ausbildung

Der Lehramtsstudent Florian Derks aus Berlin beklagt eine bis heute lückenhafte Lehrerausbildung: „Wenn ich Glück habe, bekomme ich im Lehramtsstudium digitale Inhalte mit“, sagt er. Björn Nölte, Oberstufenkoordinator der Voltaireschule Potsdam, vermisst einen strukturierten Weg in die digitale Welt. „Wir als Schule achten darauf, dass digital interessierte Lehrer zu uns kommen und digitale Ansätze integrieren. Aber was daraus resultiert, sind Zufallsprodukte.“

Juliane Petrich (Bitkom) teilt Nöltes Einschätzung: „Ein Kulturwandel hängt immer von Einzelkämpfern und der Initiative Einzelner ab.” Astrid Aupperle von Microsoft Deutschland formuliert die Frage, was die Wirtschaft für die digitale Bildung leisten könne. „Wir erleben sehr motivierte Lehrer. Deren digitale Bemühungen kommen immer auf die reguläre Arbeit noch oben drauf. Als Wirtschaft können wir diesen leuchtenden Beispielen eine Sichtbarkeit geben.“

Kritik an wirtschaftlichem Einfluss

Ilka Hoffmann (GEW) sieht das Engagement wirtschaftlicher Akteure im Bildungsbereich sehr kritisch: „Es gibt ja Leute, die dafür gewählt wurden, Verantwortung zu übernehmen“, argumentiert die Leiterin des Organisationsbereichs Schule der Gewerkschaft. Besonders viel Sorge bereitet es ihr, wenn der Einfluss von Unternehmen über Hardware hinaus gehe und bis in Konzepte, die Diagnose oder die Analyse von Lernleistungen gehe. „Wenn ich mich als Schule an Unternehmen binde, dann binde ich mich gleichzeitig an Produkte“, warnt Hoffmann.

Orientierung verspricht der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Vera Fricke vom vzbv stellt die Qualität vieler Unterrichtsmaterialien aus der Feder von Unternehmen infrage. Der Verband hat vor einigen Jahren in seinem Angebot Materialkompass begonnen, Themen und Inhalte transparent bewerten zu lassen. „Als Lehrer weiß man oft gar nicht: Was bekomme ich denn da? Wir versuchen die Frage zu klären, ob die Materialien etwas taugen“, sagt Fricke. Im Materialkompass werden die Materialien darauf hin geprüft, ob die die Informationen stimmen und ob die Unterlagen didaktisch gut sind. „Wir beobachten, dass Materialien von wirtschaftsnahen Akteuren teils eklatant schlechter abschneiden“, berichtet Fricke. Das liege daran, dass die Materialien oft nicht neutral seien oder Werbung enthielten. Um den Einfluss der Wirtschaft auf die Bildung einzuordnen, richtet Fricke eine Bitte an die Lehrkräfte: „Lehrer sollten es thematisieren, warum sich Firmen in Schulen engagieren.“

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Die Werkstatt der Bundeszentrale für politische Bildung hat in diesem lesenswerten Online-Dossier viele Informationen zu Lobbyismus und Bildung zusammengestellt.

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