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Meinung

Digitale Bildung gehört in die Schulen!

​Künstliche Intelligenz, Big Data, Cloud-Technologie: Die Arbeitswelt wird sich massiv ändern. Gerade Schulen sollten sich endlich auf den Wandel einstellen, fordert die Gründerin der Düsseldorfer Codingschule, Güncem Campagna.

Mit jedem Jahr fällt es mir schwerer, viele Stellenausschreibungen zu verstehen. Dabei arbeite ich selbst seit langer Zeit im Bereich digitaler Start-Ups. Innerhalb weniger Jahre sind Berufe wie SEO-Experte, Social Media Manager, im Bereich von E-Commerce oder App-Entwicklung entstanden. Vor nicht allzu langer Zeit gab es diese Berufe noch nicht und wir können davon ausgehen, dass noch viele weitere „digitale“ Berufe entstehen werden, von denen wir jetzt noch nichts ahnen. Auch traditionelle Berufe erfordern mittlerweile digitale Kompetenzen: Eine Schuhverkäuferin muss online die Verfügbarkeit von Waren prüfen, der Friseur betreibt eine Website für Terminvereinbarungen, jeder Selbständige muss Social-Media-Präsenzen pflegen, damit die eigenen Leistungen wahrgenommen werden.

Ich bin davon überzeugt, dass gerade die Schulen die Kinder und Jugendlichen heute auf diese neuen Anforderungen der Berufswelt vorbereiten müssen. Sie müssen ihnen helfen, Kompetenzen zu entwickeln und Talente fördern. Themen wie Künstliche Intelligenz, Cloud-Technologie und das Internet der Dinge sind Themen, die den Arbeitsmarkt schon heute beschäftigen. Was wir arbeiten und wie wir arbeiten wird sich massiv verändern. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, Lehrpläne anzupassen. Insbesondere Mädchen käme die frühe Behandlung digitaler Themen in den Lehrplänen zugute: Verstärkt in der siebten und achten Klasse verlieren viele Mädchen das Interesse an technischen Themen. Mit modernen Unterrichtsinhalten und einer aufklärenden und positiven Kommunikation könnten auch Mädchen für technische Berufe begeistert werden. Initiativen wie etwa der Girls Day sind richtig und setzen Impulse. Dennoch ist es wichtig, dass schon die Schulen ein Verständnis und eine Faszination für technische Berufe wecken.

Ebenso wichtig ist in meinen Augen die Vermittlung von Medienkompetenz. Die gute Nachricht ist, dass sich die meisten Kinder gerne mit Smartphone und Tablet beschäftigen: Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) sind mehr als die Hälfte der Achtjährigen (55 Prozent) in Deutschland online, 37 Prozent mehrfach in der Woche oder täglich. Schon bei den Sechsjährigen ist demnach bereits fast ein Drittel (28 Prozent) regelmäßig im Netz unterwegs!

„Die Vermittlung von Medienkompetenz braucht Fachwissen und darf nicht vom Bildungsstand der Eltern abhängen. Hier können und sollten die Schulen ansetzen.“ Güncem Campagna

Meine sechsjährige Tochter bedient das Smartphone mit einer Leichtigkeit, bei der ich oft nur staunen kann. Noch kann ich den Konsum gut kontrollieren, aber schon bald wird sie selbständig im Netz unterwegs sein und muss sich dort zurechtfinden. Wie wird sie mit Cybermobbing, Fake News, der Filterblase etc. umgehen? Wie wir miteinander sprechen, wie wir die Welt wahrnehmen und mit unseren Mitmenschen umgehen: Social Media hat direkten Einfluss auf unser tägliches Leben. Das Netz wartet mit immer neuen Phänomenen auf, die selbst uns Erwachsene vor Herausforderungen stellen. Das müssen wir bei Erziehung und Bildung der nächsten Generation berücksichtigen.

Sicherlich gibt es sie, die gut informierten und medienkompetenten Eltern, die ihr Kind im verantwortungsbewussten Umgang mit Smartphone und Tablet begleiten. Doch viele sind selbst unsicher angesichts der digitalen Umwälzungen. Medienkompetenz ist eine immens wichtige Fähigkeit für Kinder. Die Vermittlung dieser Kompetenz braucht Fachwissen und darf nicht vom Bildungsstand der Eltern abhängen. Hier können und sollten die Schulen ansetzen.

In verschiedenen Bundesländern gibt es bereits Initiativen, in Nordrhein-Westfalen etwa den Medienpass NRW oder in Bayern den Medienführerschein Bayern, über die Schulen Unterrichtsmaterialien und Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenz erhalten. Doch leider ist der Einsatz der Konzepte nicht überall verpflichtend. Und selbst wenn er es ist, kann er vielerorts aufgrund mangelnder technischer Infrastruktur oder schlichtweg mangels Personal nicht flächendeckend umgesetzt werden. Auch hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Meist ist Eigeninitiative der Eltern nötig

Es ist begrüßenswert, dass die Debatte um die digitale Bildung an Schulen immer häufiger geführt wird. Doch bis den Reden Taten folgen, werden im Kuddelmuddel aus Bildungsföderalismus, Streit um Zuständigkeiten, verschiedenen Ansätzen und Lehrermangel sicherlich noch Jahre vergehen. In dieser Zeit dreht sich die Welt weiter, die Digitalisierung nimmt weiter Fahrt auf. Wünschenswert wäre, dass die Umsetzung digitaler Ansätze in Deutschlands Klassenzimmern noch schneller erfolgt. 

Wer sich selbst oder seine Kinder schon heute an digitale Themen heranführen will, muss meistens Eigeninitiative zeigen. In Nordrhein-Westfalen gibt es sogenannte MINT-Zentren, die Workshops und Kurse anbieten. In vielen Städten bieten mittlerweile Initiativen und Schulen Kurse an, in denen Kinder ans Programmieren und an digitale und technische Themen herangeführt werden. In Düsseldorf etwa haben wir vor rund einem Jahr die Codingschule gegründet, an der Kinder und Jugendliche Technik kennenlernen und sich für altersgerechte Programmiersprachen und Computer begeistern können. Auch bei der Initiative Start Coding finden Eltern eine Übersicht zahlreicher Angebote, die sich im Bereich Coding für Kinder und Jugendliche engagieren.

Ein Wermutstropfen ist in meinen Augen, dass viele solcher Angebote genau diejenigen Kinder und Jugendlichen erreichen, deren Eltern einer höheren Bildungsschicht entstammen. Diese Kinder werden ohnehin stärker individuell gefördert und haben dadurch bessere berufliche Chancen als Gleichaltrige aus schwächeren sozialen Verhältnissen. Umso drängender ist es, dass Medienkompetenz und digitale Fähigkeiten so schnell und so intensiv wie möglich in die Schulen kommen. Nur dort können künftig entscheidende digitale Fähigkeiten demokratisiert und unabhängig von Herkunft oder Einkommen der Eltern vermittelt werden. Die Zeit drängt - nicht nur wegen dringend nötiger Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, sondern auch wegen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Güncem Campagna

Güncem Campagna ist studierte Volkswirtin und arbeitete rund zehn Jahre im Bereich Marketing. Heute führt sie die Codingschule in Düsseldorf, arbeitet als Unternehmensberaterin und entwickelt Marketingstrategien für Start-Ups.

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